Kilometer 61...

    Die Nachricht lautet kurz: "Juliane schläft und meine Wehen sind vor lauter Schreck gerade weg...

    ...musst also nicht rasen... Gabi ist bis halb acht da..." - Die Whatsapp-Nachricht bewirkt, dass ich den Fuß vom Gaspedal nehme und meine Geschwindigkeit und meinen Puls auf gefühlte 280 verlangsame. Jetzt kann es ja "entspannter" nach Hause gehen. Woher die Eile? Schlecht Erfahrungen bei der ersten Geburt! Und um nichts auf der Welt wollte ich nochmal wie bei Juliane auf den letzten Drücker in der Klinik ankommen.

    Auslöser war zwei Stunden zuvor die Nachricht um genau 16:34 Uhr, die mich in Nürnberg erreicht hat: "Hallo! Können wir kurz tel? Ich glaub, es geht los... weiß aber noch nicht, wie schnell...lg Yvi". 3 Sekunden später habe ich zurückgerufen, angefeuert von einem großen Adrenalinschub. Yvi hat dabei auch in kritischen Situationen Sinn für Humor: "Du, aber nur wenn es bei Dir geht. Ich kann auch erstmal schauen, wie es läuft..." - ja nee, is klar! Jetzt erstmal tiiiiief durchatmen... und dann in Panik ausbrechen. Von Nürnberg nach Ulm sind es 1:50h - oder 1:30h, wenn es schnell gehen muss. Davor Zeug einpacken, Kollegen informieren, ins Hotel düsen, Kofferpacken, auschecken (auf die freundliche Kulanz fürs "Spät-auschecken" für einen Dauergast, der zum zweiten mal Vater wird, hoffen) und losfahren.

    Hat alles in Rekordzeit geklappt und mein Team, als auch das Hotel, haben mir wunderbare Rückendeckung gegeben. Schon knapp 45 Minuten später haben mich die 245 PS unseres neuen Familienschlittens auf der Autobahn fliegen lassen... zumindest im Traum! Leider war der Verkehr für einen "Vater in Wehen" nur bedingt tauglich und haben meine Geduld schwer auf die Probe gestellt. Nun, die zweite Nachricht hat mich dann doch ein wenig beruhigt und so war ich kurz nach 19 Uhr in Ulm. Nachdem Juliane im Bett war und Gabi da, sind wir dann doch zur Abklärung in die Klinik gefahren, denn auch die Wehen sind wieder zurückgekehrt.

    Abends um 21 Uhr ist im Kreißsaal nicht viel los. Bequem parkten wir direkt vor der Tür und haben dabei nicht mal die Storchenparkplätze (extra für werdende Eltern reservierte Parkplätze) in Anspruch genommen, weil wir davon ausgegangen sind, dass wir nicht dableiben würden. Und tatsächlich, in der nahezu leeren Geburtsstation kamen wir zügig dran. Während der Wehenschreiber vor sich hingepiepst hat, war draußen gleichzeitig Kreißsaalführung für werdende interessierte Eltern (nein, ich habe nicht daran teilgenommen ;-)).

    "Ein Zentimeter" war das Urteil der Hebamme bzgl. des Muttermundes. Alles in Ordnung, aber eben noch nicht so weit. Wären wir Erstlingseltern, wären wir wohl stationär da geblieben. Aber so sind wir wieder nach Hause gefahren, um dort eine schlaftrunkene Juliane vorzufinden, die noch immer nicht mit der Situation umgehen konnte, dass die Mama heute wie die Gabi aussieht und der Papa mit einer Mama nach Hause kommt... alles sehr verwirrend für eine Dreijährige nachts um 23 Uhr.

    Nach kurzer Beratschlagung sind wir dann alle ins Bett gegangen mit der Aussicht, dass es mitten in der Nacht wieder losgehen könnte. Tatsächlich sind Juliane, Gabi und ich schlafen gegangen, während sich die werdende Mama mit ihren Wehen bis ca. 3 Uhr rumgequält hat und dann ebenfalls eingeschlafen ist. Unter Wehen...? Nein, die haben sich wohl auch schlafen gelegt, jedenfalls waren sie morgens weg.

    Was tut man da? Am besten alles wie immer: Gabi fuhr wieder nach Stuttgart, ich brachte Juliane in die Kita und Yvi wartete auf weitere Wehen. Dabei hat sie auch dabei nicht den Sinn für Humor verloren, wie ihre Frage bewies: "Bleibst Du dann heute da oder fährst Du wieder nach Nürnberg...?" - Ja nee, is klar! Als ob ich mich jetzt auch nur noch einen Deut wegbewegen würde... Dass ich das verneint habe, hat sie aber dann doch sichtlich beruhigt.

    Um halb 11 Uhr hatte Yvi dann keine Lust mehr und ist mit einem grummeligen "so, ich gehe jetzt das Bad putzen... das wollen wir doch mal sehen... ich habe keine Lust mehr" abgezogen und ich habe weitergearbeitet. Mitten in einer Telko ging dann um kurz nach 12 Uhr vorsichtig die Tür zum Arbeitszimmer auf und eine gequälte Yvi lugt rein: "Ich glaube wir müssen los..."

    Weiter geht es in Teil 2...

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