Heute war Weihnachtsbasar in der Walddorfschule mit Weihnachtsmarkt - nur für Kinder! Und die Währung für den Einkauf sind goldene Nüsse...
Dabei kann jedes Kind maximal 3 goldene Nüsse erwerben (diese Beschränkung war notwendig geworden, weil es immer noch Eltern gibt, die maßlos übertreiben und ihre Kinder mit 10 oder mehr Nüssen ins Rennen schicken). Eine Nuss kostet entweder einen Beitrag von 10 Kleinigkeiten für den Weihnachtsmarkt (durch die Eltern), zwei Goldtaler (die Kinder für irgendeine Leistung erhalten) oder einen Euro. Wir hatten einen Gutschein für eine Nuss auf Grund der 10 Kleinigkeiten, die Yvi als Spende gemacht hat und zwei Nüsse habe ich gekauft.
Danach dürfen die Kinder in einen Vorraum, dessen Fenster mit rotem Papier abgeklebt sind und somit eine gedämpfte, ruhige und damit andächtige Stimmung erzeugt wird, bevor die Kleinen in den eigentlichen Weihnachtsmarkt dürfen - immer auf 3-5 Kinder beschränkt, um dort nicht das Chaos ausbrechen zu lassen. Damit der Ablauf sich nicht endlos hinzieht, war die oben genannte Beschränkung auf 3 Nüsse ein echter Segen: es gab in der Vergangenheit wohl Wartezeiten von mehr als einer Stunde...
Juliane ist nun bekanntermaßen kein Kind, das sich offenen Blickes in unbekannte Umgebungen stürzt und so durfte ich (im Gegensatz zum Gros der Eltern) mit in den Vorraum. Allerdings hat auch leider alles gute Zureden, die Kontaktherstellung zu einem älteren Mädchen (die auch noch wie Julianes Puppe Lili heißt) sowie das nette Angebot der Erzieherinnen, sie zu begleiten, nichts gebracht: sie wollte partout nicht ohne mich in den Weihnachtsmarkt. Selbst der sonst gut funktionierende Trick "ich, der Papa, dürfte da nicht mit rein, denn ich würde ja sonst alle Geschenke alleine für mich wegschnappen" hat nicht gezogen. Und so hatten die Erzieherinnen ein Einsehen, dass ich ausnahmsweise mit in den Raum dürfte.
Denn eigentlich sollen die Kinder hier das für ihre goldenen Nüsse aussuchen, was ihnen gefällt - ohne Einfluß von Erwachsenen. Und so bin ich dann am Eingang gut sichtbar stehen geblieben und habe auch allem Bitten von Juliane nicht nachgegeben, mit ihr gemeinsam etwas auszusuchen. Soweit muss sie schon alleine gehen.
Im Weihnachtsmarkt sind lauter kleine mit Lichtern, Fils und Tannenzweigen geschmückte Ständchen auf Kinderhöhe im Halbkreis aufgebaut. Dahinter stehen viele Weihnachtsbäume und das Licht ist ebenfalls gedämpft. In den Ständchen werden eben jene 1000 gespendeten Kleinigkeiten zum "Kauf" für je einer goldenen Nuss je Kleinigkeit angeboten. Die 3-5 Kinder erhalten beim Eintritt ein kleines Weidenkörbchen, in das sie ihre Ausbeute legen können.
Nach einer etwas planlosen, schüchternen Weile und einigen aufmunternden Armbewegungen meinerseits hat sich Juliane dann aufgemacht, die ersten Stände zu inspizieren. Zuvor hatte sich schon eine Mutter (oder Erzieherin, so sicher bin ich mir bei dem Publikum nicht immer) ohne Erfolg daran gemacht, sie zu einem Stand zu lotsen. Da ist sie halt eisern - auch in ihrer Schüchternheit.
Irgendwann hat sie dann einen bemalten Stein entdeckt, den sie nach einem Blick zu mir (den ich wiederum mit einer sehr aufmunternden Geste erwidert habe) in ihr Körpchen gelegt hat. Dann hat sie einen weiteren Stein entdeckt und einen Dritten, die beide ebenfalls im Körbchen - nun aber zunehmend mit einem Strahlen in ihrem Gesicht - verschwunden sind. Nicht ohne vorher jedes mal zu schauen, was ich wohl dazu sage - sind wir wirklich solche Kontrollfreaks...?
Vermutlich, denn wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich instinktiv versucht sie dazu zu animieren sich ruhig auch die anderen Sachen genauer anzuschauen. Denn vielleicht ist ja noch was Tolleres dabei. Ob da unbewußt das Ziel dahintersteht, das Optimum für die goldene Nuss rauszuholen??? Müssen wirklich drei Nüsse für popelige bemalte Steine draufgehen...? Ersetzt man im zunehmenden Alter wirklich so sehr die kindliche Freude über einen Tausch durch eine kapitalistische Optimierung?
Bevor ich diese hochphilosophische Frage beantworten und Juliane mit meinen hektisch fuchtelnden Armbewegungen zu einem anderen Stand lotsen konnte, kam eine Erzieherin vorbei und hat kurzerhand den "Kauf" abgeschlossen, nachdem sie gesehen hatte, dass 3 Gegenstände im Körbchen lagen. Zum Glück kann man nur sagen, denn sonst hätte ich vielleicht auch noch "Erfolg" gehabt und somit die Chance verpasst zu sehen, wie überglücklich Juliane über die drei Kleinigkeiten war, die sie sich selbst rausgesucht hat, weil sie ihr in diesem Moment so gut gefallen haben - egal was es sonst noch so im Raum gibt!
3 bemalte Steine: ein "Hasenstein mit Knickohren", ein "Herzstein" und ein "Punktestein" - wie sie später der Mama erklärt hat. Wie schön kann doch kindliches Glück sein und wie sehr haben wir das im Erwachsenenalter verlernt...
Ich musste mich an die Situation vor anderthalb Jahren zurückerinnern, als wir in Barcelona waren und Marta, meine spanische Freundin, getroffen haben. Sie wollte Juliane spontan etwas schenken und ist mit uns in einen Disney-Shop abgebogen. Dort verkündete sie zu unserer Verblüffung: "Please tell Juliane, that she can choose whatever she wants". Dass sie sich irgendetwas hier in diesem Kinderparadies aussuchen dürfte, hat sich Juliane nicht zweimal sagen lassen: schnurstracks ist sie zu einer Mickey Maus Figur gerannt, die durch Druck auf die Hand ein Lied singt und dazu tanzt. Dabei hat sie nicht lange rumgesucht, sondern das in ihrem Wahrnehmungskreis für sie Attraktivste herausgesucht. Was hat Juliane gestrahlt, als sie die Figur in der Hand gehabt hatte. Man konnte ihr Glück über die Wahl sehen.
Leider war auch hier unsere erste Reaktion: aber jetzt schau doch erstmal was es sonst noch so gibt. Da gibt es bestimmt was viel Tolleres, als "so" eine Mickey Maus Figur. In dem Moment konnten wir direkt in Juliane wie in einem offenen Buch lesen: ok, ich schaue mich nochmal um, vielleicht gibt es ja auch was anderes - dann verzichte ich eben auf die schöne Figur... Ihre Enttäuschung war so deutlich in ihren Augen zu sehen, dass es einem das Herz zerreißen konnte. Was natürlich als gut gemeinter Rat aus vielen Jahren Erfahrung war, nicht gleich das Erstbeste zu nehmen, ist vollkommen inkompatibel mit einem kindlichen Gemüt, das einfach im hier und jetzt lebt. Juliane war es auch vollkommen egal, was es sonst noch so gibt im Disney-Store: die Mickey Maus war das Objekt ihrer Begierde.
Und so war es eigentlich gar nicht notwendig, dass Marta die Sache in die Hand genommen hat indem sie nochmal bekräftigte: das was sie sich auswählt, das bekommt sie auch, denn es ist ihr Geschenk an Juliane: "You want to have Mickey Maus? Ok, it's my present to you, Juliane". Wir hätten in dem Moment auch eingelenkt.
Die Mickey Maus gibt es übrigens immer noch bei uns, nur wird sie nicht mehr so oft angemacht ;-)
Dass wir sie überhaupt kurz in die Situation gebracht haben, doch nicht das aussuchen zu dürfen, was sie gerne möchte, das hat mir im Nachhinein leid getan. Und so denke ich auch heute: es geht nicht darum, das Maximum rauszuholen, sondern sich für das zu entscheiden, was man sich im hier und jetzt gerade wünscht. Das ist doch der größte Segen. Sonst passiert das, was bei uns selbst oft genug vorkommt: am Ende können wir uns für nichts entscheiden, weil die Auswahl zu groß geworden ist.
Daran sollten wir uns als Erwachsene auch ab und zu erinnern...
PS: Nachdem wir wieder aus dem Kindermarkt draußen waren, war Juliane schon ziemlich am Ende "durch Überforderung". Der Weihnachtsbasar mit all seinen Angeboten durch Eltern und Schüler der Waldorfschule war einfach ziemlich voll und nicht nur für eine Dreieinhalbjährige zu viel. Das hat dazu geführt, dass Juliane auf dem Weg zum "Zwergengärtlein" gegen einen Betonpfeiler gelaufen ist und so mussten die Tränen erstmal mit etwas zu Essen und Trinken getröstet werden (kein Dinkelkeks mit Demeter-Wasser, sondern Pommes mit Apfelsaftschorle - das gibt es sogar in einer Waldorfschulkantine). Dabei haben wir Myri und Jan getroffen, die mit ihrem neugeborenen Jona da waren. So haben wir dann den Weihnachtsbasar ausklingen lassen :-)
