Unser erster Tag im Jasper Nationalpark hat uns ins Visitorcenter geführt, in dem beide Kinder ein Explorer-Heft bekommen haben, um ihre Entdeckungen und Erkenntnisse aufzuschreiben. "Überraschenderweise" war auch das in Englisch, was nur minimal zu Verdruss bei der Hälfte der Beschenkten geführt hat.

 

Hier kann man aber auch gleich lernen, wie Digitalisierung in der heutigen Zeit richtig funktioniert: während man in Ulm zur Begleichung der Parkgebühren (natürlich neben Münzgeld) aufgefordert wird, eine App von 10 Parkapp-Anbietern herunterzuladen, sich dort zu registrieren, die Bezahlfunktion zu autorisieren, den Parkbereich, Nummernschild und Uhrzeit einzugeben, die Bezahlung zu veranlassen (wer dann noch Lust hat wirklich dort stehen zu bleiben, hat ein dickes Fell) - zeigt uns Jasper, wie es anders geht: QR-Code scannen, Nummernschild und Dauer des Parkens eingeben, mit Apple Pay bezahlen. Fertig. Eine Utopie, von der wir in Deutschland noch Meilenweit entfernt sind…

 

Und hier fährt dann tatsächlich auch der "Rocky Mountaineer" ab - der Touristenaussichtszug, der eine sicherlich grandiose Reise durch die Bergwelt Kanadas mit Panoramawagen ermöglicht - den wir unterwegs bereits gesehen haben.

 

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Nach dem obligatorischen Giftshop-Besuch sowie der Besorgung ein paar fehlender Teilen im Outdoorshop haben wir uns auf den Weg zu den naheliegenden 6-Bridgets-Trail im Maligne Canyon. Dieser hat seinen Namen auf Grund des Maligne Flusses, der sich spektakulär tief durch das Gestein gefressen hat und von einem französischen Missionar so getauft wurde, nachdem er mit seinem Pferd versucht hat, die Stromschnellen zu durchwaten. Maligne heißt nämlich so viel wie fies, gemein. Und das glaubt man sofort, wenn man diesen reißenden Fluss mit seinen gewaltigen Massen sieht, der Steine glatt und Pot-Hols ausgeschliffen hat. Die Brücken führen (wie der Name schon sagt) sechsmal über diesen spektakulären Fluss.

 

Bevor wir allerdings angekommen sind, hat uns der warnblickende stehende Autotross angezeigt: hier ist ein Bär. Und tatsächlich, hurra, wir haben einen Grizzly gesehen. Der ist in aller Seelenruhe durch das gelblich hohe Gras gewackelt, bis er zwischen den Büschen und Bäumen verschwunden war. Wow! Was für ein toller und beeindruckender Anblick! Unser Jagdinstinkt war geweckt, wie viele Bären werden wir heute noch sehen…? Ab jetzt halten wir noch mehr die Augen offen.

Ca. 300m weiter entfernt war eine der vielen Straßenbaustellen. Man lebt halt Seite an Seite.

 

So beseelt habe ich gleich mal den Abzweig zum Maligne Canyon verpasst und mich über Google Maps aufgeregt, das mich dauernd zum Wenden aufgefordert hat. Wir hatten aber auch überall das Gefühl gehabt, hier müsse sofort ein Bär aus dem Gebüsch springen. Und streckenweise haben wir uns auch gefragt, ob wir nicht bereits an hunderten Bären vorbeigefahren sind, die allerdings in diesen dichten Wäldern hätten zwei Meter neben uns sitzen können und wir hätten sie trotzdem nicht gesehen.

 

Im Maligne Canyon angekommen ging es dann los auf den Trail - immer nach weiteren Bären Ausschau haltend. Aber anstelle von diesen, haben wir andere unglaubliche Dinge gesehen, die uns sprachlos gemacht haben: auch wenn der Trail teilweise idiotensicher mit Geländer, Treppen und Betonwegen ausgestattet ist, geht es trotzdem steil bergab. Wie kommt man also auf die mit Kinder- und Bollerwagen in Badeschlappen auf die hirnrissige Idee hier runterzulaufen? Der Vater, der sein Baby in der Trage vor sich geschnallt hat, hat den Vogel abgeschossen: Das nenne ich mal einen lebenden Airbag. Einmal stolpern fängt den nichts mehr ab.

 

Wir sind wirklich ein naturentwöhntes Vollkaskovolk geworden, das mit dem Leben außerhalb der Städte gar nicht mehr umgehen kann. Zur Ehrenrettung sei aber auch gesagt, dass es genügend positive Beispiel gibt. Es gibt also noch Hoffnung!

 

Ganz vaterverpflichtet war ich heute für die Aufrechterhaltung der kinderlichen Laune zuständig, was ich, bzw. meine Stiefel mit Bravour gemeistert haben: diese Pfennigguten, kaum 14 Jahre und 2.000km jungen Premiumstiefel haben sich nämlich sehr zur Freude von Juliane und Samuel angeschickt, sich auf der Strecke Stück für Stück in ihre Bestandteile aufzulösen - "so a Glomb"! Da sehen die spanische Jakobswege, alpine Venedigwanderungen, neuseeländische Gebirge - und verrecken an der entferntesten Stelle zwischen Brücke 4 und 5, indem einfach die eine Sohle liegen geblieben ist. Das war das Signal zum Umkehren und noch beim Rückaufstieg blieb auch die andere Sohle zurück. Feixend und vor Lachen johlend sind die beiden Kurzen ganz umweltbewusst die Reste einsammelnd hinter mir hergelaufen und ich auf Ledersohlen wieder zum Camper zurück.

 

Nehmen wir es positiv: mehr Platz im Koffer auf der Rückreise ;-)

 

Unser Abendessen haben wir am Pyramide Lake ganz idyllisch am Strand mit weiterer kurzen Badeeinlage zu uns genommen - nicht ohne vorher noch kurz den halben Liter Apfelsaft im Wohnwagen aufzuwischen, den wir leider vor Abfahrt vergessen hatten, zu verstauen. Am Ende hat bin ich fast zu Tode erschreckt, als mich keine zwei Meter neben mir vom Gebüsch aus eine Waipiti-Kuh angeschaut hat - in etwa mit dem gleichen erstaunten und blöden Gesichtsausdruck wie ich. Später haben wir auf der Rückfahrt noch ein paar weitere Hirschkühe gesehen. Immer ein Erlebnis.

 

Heute habe ich noch 143l für die 575km Strecke getankt und dazu drei mal die Kreditkarte autorisieren lassen müssen, denn man kann das immer nur für 100CAD pro Tankvorgang machen. Lächerlich bei dieser Spritschleuder, die gepflegte 25l auf 100km frisst.

 

Ach ja und was war noch mit unseren weiteren Bärensichtungen: wir haben an dem Tag nicht drei weitere Bären, noch vier gesehen, sondern sage und schreibe: Null! Ist wohl dann doch nicht ganz so einfach, wie wir dachten.