Am Oslofjord entlang in Richtung Süden sind wir zu unserer Verabredung mit alten Freunden von Yvis Eltern nach Arendal gefahren und haben Oslo mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinter uns gelassen. Einerseits ging es nun auf unserer langen Route weiter, andererseits ist Oslo eine wirklich schöne Stadt, die wir unbedingt irgendwann nochmal besuchen wollen.
Nicht nur die Landschaft hat sich von grasigem Hügelland in dichte Bewaldung verändert, sondern auch die Autobahn wurde entlang der Skagerrak (zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir gänzlich unbewusst war, dass die Skagerrak hier zu finden ist - tja, Reisen bildet halt doch) zu einer "Autobahn", nämlich von zweispurig zu einspurig mit streckenweise einer Leitplanke in der Mitte - um Unfälle zu vermeiden, wie ich später erfahren habe. Denn tatsächlich habe ich die Norweger eher als konservative Autofahrer kennen gelernt - um das mal freundlich zu sagen. So ist es eigentlich fast schon normal, dass man von den auf der Beschleunigungsspur einscherenden Fahrzeugen gnadenlos ausgebremst wird. Das scheint außer mir (mit 1,8 Tonnen Gepäck am Heck) offensichtlich keinen zu stören. Geduldig bremst die Kolonne ab und lässt den "Nicht-beschleuniger" einscheren, der erst dann gemächlich schneller wird. Bleibe ich konstant bei meinen 80 km/h, dann werde ich nicht selten wütend von dem schleichenden Einfädler per Lichthupe von hinten angepampt.
Wenn mich ein Norweger überholt hat, dann habe ich meist die Luft angehalten - wenn ich das so lange geschafft habe. Denn selten zog da einer mit deutlich höherer Überholgeschwindigkeit an mir vorbei, sondern eher mit 5-10 km/h Unterschied. Ich kann daher die Sicherheitsvorkehrung einer Mittelleitplanke bei einspurigen Straßen hier gut verstehen!
Essenszwischenstopp - und hier kann man mit Kreditkarte das Spielzeugauto bezahlen...
Die zweite Erkenntnis des Tages war, dass 4h bei einer maximalen Geschwindigkeit von 80 km/h nicht automatisch 320 km, sondern eher so 240 km bedeuten. Und das liegt nicht nur an den miesen Fahrkünsten sondern vor allem eben an schmalen einspurigen Straßen, auf denen man LKWs nicht überholen kann - wobei die meist auch nicht das Problem sind, sondern selbst Schleicher vor sich "herdrängeln".
Inzwischen sind wir auch etwas verwöhnt, was freie Campingplätze angeht. Daher haben wir ziemlich blöd aus der Wäsche geschaut, als der Geheimtipp (Moysand Familiecamping) unseres Norwegenführers (von dem der ADAC-Campingplatzführer offensichtlich noch nie etwas gehört hatte) leider bereits voll war. Leicht gestresst haben wir die Alternative (Marivoll Resort Camping) angefahren, denn inzwischen war es schon nach 7 Uhr und die Kinder wurden deutlich quängelig.
Das letzte Stück zum Campingplatz war ein Vorgeschmack auf die Straßen, die uns weiter nördlich noch begegnen sollten, nämlich eine 6 Kilometer nahezu einspurige Straße mit Ausweichbuchten. Das hat mir den Rest gegeben! Mein Stresspegel war hoch und mein Nervenkostüm sehr dünn. Leider fiel Juliane just in diesem Moment ein, dass sie ihre 15.000 Wörter heute noch nicht aufgebraucht hat und mich doch prima mit den restlichen 9.000 Worten davon aufmuntern könnte. Und so plapperte es in einem fort von hinten links in mein Ohr, während das rechte versucht hat, die Fahranweisungen mitzubekommen bzw. nicht in das nächste entgegenkommenden Auto, Lastwagen oder Bus zu fahren. Irgendwann habe ich sie schweißgebadet angeherrscht, sie möge mal für 5 Minuten den Mund halten, Papa muss sich konzentrieren. Daraufhin hat sie zu meiner "Entspannung" gesungen… ich dachte wirklich mir haut es jetzt den Zeiger raus.
Der Letztere hat sich dann beim "No, sorry, we are fully booked" des Platzbesitzer verabschiedet, als er auf meine hoffnungsfrohe Frage nach einem Campingplatz geantwortet hat. Angesichts der drohenden, wortreichen Rückfahrt über 6 Kilometer "Schmalspurstraße" muss ich einen sehr jämmerlichen Anblick abgegeben haben. Vielleicht war das der Auslöser dafür, dass er eine der 5 noch ausstehenden Reservierungen an mich abgegeben hat. Ich habe mich in dem Moment nicht gefragt, wie es wohl demjenigen ergangen ist, der irgendwann später Abends hier ankommt und seine "sichere" Reservierung jetzt nicht mehr verfügbar ist. Ich war einfach nur erleichtert!
1. Tag - Marit und Arild
In den 80er-Jahren haben sich Yvis Eltern und Marit und Arild kennen gelernt, als diese im Rahmen einer Volkstanzgruppenreise beim Degerlocher Albverein zu Gast waren und bei verschiedenen Mitgliedern (in dem Fall Yvis Oma) übernachtet haben. Aus den Übernachtungsgästen sind Freunde geworden, die seitdem Kontakt halten. Daher hatten wir uns einige Tage vorher mit den beiden zu einem Besuch verabredet.
Dabei hat ihr Sohn Jan-Arild sehr beim Dolmetschen geholfen, denn beide sprechen kaum Englisch, bzw. kein Deutsch - und wir kein Norwegisch, so fair müssen wir schon bleiben.
Familie Trondal wohnen in Saltrød bei Arendal in einem hübschen, typisch skandinavischen roten Holzhaus mit "Sommerhaus" im ersten Stock und "Winterhaus" im Erdgeschoß. Wir waren etwas verspätete dran und so haben uns Marit, Arild, Jan-Arild sowie deren Freunde Tordis und Asbjörn (ebenfalls Volkstänzer) bereits auf der Veranda in der Sonne sitzend erwartet. Das war eine sehr schöne und herzliche Begegnung und trotz Kommunikationsschwierigkeiten sind wir wunderbar durch den Tag gekommen mit vielen Gesprächen, Lachen und Bildermachen. Juliane und Samuel waren natürlich sofort der Mittelpunkt und alte Spielsachen und Bücher kamen in den Genuss einer Wiederverwendung. Derweil habe ich mich ausgiebig mit Jan-Arild unterhalten, der eine sehr abwechslungsreiche berufliche Historie hat (unter anderem als Gefängnisaufseher) und inzwischen hier als "Streetworker" mit Jugendlichen mit Drogenproblemen arbeitet - und nebenbei eine absolut verneinende Haltung zur Legalisierung von Cannabis hat, da diese aus seiner Erfahrung die Einstiegsdroge für härteres Zeug ist - und momentan sein Sommerhaus baut.
Meine erstaunte Nachfrage, wie er denn sein Sommerhaus auf dem gleichen Grundstück wie sein Haus bauen kann, erklärte er mit der Feststellung, dass sein nächster Nachbar ca. 120 Meter von ihm entfernt wohnt… Platz ist damit für ca. 10 weitere Sommerhäuser vorhanden, bevor das Nachbarschaftsrecht greift ;-)
Da er viel in Eigenleistung baut, musst er leider auch früher gehen. Vorher haben wir aber noch erfahren, warum uns in Oslo so viele Elektroautos (im Speziellen der Marke Tesla) aufgefallen sind. Man hätte fast meinen können, die gibt es hier umsonst, denn so viele Tesla S sieht man wohl sonst nur in Kalifornien. Tatsächlich, so erzählte mir Jan-Arild, werden Elektroautos momentan massiv in Norwegen subventioniert: Man kann kostenlos Strom tanken, bezahlt keine Parkgebühren, darf die Bus und Taxi-Spur benutzen und bekommt noch verschiedene andere Erleichterungen, während Autos mit "dickem Motor" (ja, auch der A6 gehört dazu, wie er mir bestätigt hat *hüstel*) als Luxusautos besonders finanziell belastet werden. Norwegen war für Tesla das zweite Land weltweit, in dem ihr Stützpunkt massiv ausgebaut wurde. Da das Programm wohl nur bis 2018 "vorerst" läuft ist unklar, wie es danach mit den Subventionen weitergeht. Daher sieht er das Ganze skeptisch. Trotzdem ist diese Form der Subvention allemal besser, als nur den Kaufpreis zu subventionieren. Denn das landet fast sicher auf Grund der gleichzeitigen Reduktion der Rabatte zum Großteil in den Taschen der Autoindustrie.
Einige Wochen später habe ich vom Plan der norwegischen Regierung gelesen, bis 2023 keine Benzin- oder Dieselgetriebenen Fahrzeuge in Norwegen mehr zuzulassen. Ambitioniertes und auch leicht ethisch fragwürdiges Ziel, solange der norwegische Haushalt und auch Volksreichtum vom norwegischen Öl abhängt - mal ganz abgesehen von dem Problem eines flächendeckenden, engmaschigen Netzes aus Stromladetankstellen. Frei nach dem Motto: wir sind sauber, blast ihr unser Öl in den Himmel...
Den zweiten Aha-Effekt schaffte er bei mir, als er mir erzählte, dass hier in der Gegend das Wasser von den Deutschen im dritten Reich für die Gewinnung des "schweren Wassers" für die Entwicklung der Atombombe genutzt wurde (The fight about the Heavy Water). Dies wurde durch verschiedene Sabotageakte von Norwegern und Briten verhindert. Nein, Asche über mein Haupt, davon habe ich noch nie etwas gehört - und ich bin an sich sehr geschichtsinteressiert. Das werde ich wohl später mal genauer nachlesen müssen.
Lacher brachten ein paar Anekdoten wie bspw. der Begegnung von Yvis Papa mit Elchen bei einem Besuch vor vielen Jahren wenige Straßen entfernt. Jan-Arild erzählte seinerseits, wie er als Zehnjähriger im Winter im Dunkeln vor dem Haus direkt in die Augen eines riesigen Elches geschaut hat und schreiend zu seinem Vater lief, der abwinkend meinte, das sei alles nicht so wild, der tut nichts und will nur spielen ;-)
Es war ein wirklich schöner Nachmittag mit einer wunderbaren Begegnung alter Freunde. Wir hoffen, dass wir den Kontakt auch weiterhin halten können!
2. und 3. Tag - Wikinger sind hart im Nehmen
Die weiteren Tage haben wir mit Baden, Faulenzen in der Sonne sowie dem erstaunten Beobachten der morgendlichen Badeaktionen norwegischer Familienväter mit Kindern im aus meiner Sicht "saukalten" Wasser verbracht. Die Norweger sind allerdings auch deutlich entspannter mit ihren Kindern in der prallen Sonne. Die hellhäutigen, blonden Kinder springen gerne auch mal unbekleidet herum, Sonnenbrand lässt grüßen. Aber vermutlich reichen 10 Monate Urlaub von der Sonne im Jahr, um sich von zwei Monaten zu viel Sonne gut zu erholen.
Bei einer Radtour habe ich auch den verpassten Geheimtipp-Campingplatz erkundet. Der war schon wirklich sehr hübsch. Hier habe ich die nächste Stufe der Dauercamper-Unterkünfte gesehen: Vorzelte mit umgrenzter Abzäunung sind out, komplette Hütten vor dem Wohnwagen sind in. Aber mal ehrlich, irgendwann wird es schon affig! Wozu brauche ich denn hinter einer Hütte noch einen angedockten Wohnwagen???
Penible Honiginspektion