Trelleborg ist schon ein recht trostloses Pflaster, eingestellt auf den durchfahrenden Fährverkehr. Unser Reiseführer verwendet daher (zurecht) gerade einmal eine halbe Seite auf unsere Fährhafenstadt und wir nur einen Abend.
Denn am nächsten Morgen ging es zu unserer geplanten Fähre um 9:30 Uhr von Trelleborg nach Rostock - der Nils Holgersson. Dazu muss man eine Stunde vorher "spätestens", wie unsere Buchungsbestätigung nicht müde wurde zu betonen, am Check-In sein. Wir waren zwar um 8:15 Uhr da, aber vermutlich hätten wir auch noch um 9:00 Uhr hier durchfahren können, ausprobieren wollten wir es trotzdem lieber nicht.
Der Fährhafen und seine Logistik ist allerdings schon immens groß! Nach einer längeren Fahrt über das Gelände kamen wir an unsere zugewiesene Fahrspur 10 an, in dem irrigen Glauben, hier erstmal zu warten, Samuel und Juliane mit Milchreis abzufüttern - da beide quasi aus dem Schlaf gerissen und so wie sie aus dem Bett gefallen sind ins Auto verfrachtet wurden - bzw. die beiden zumindest noch umzuziehen, bevor es auf die Fähre geht.
Juliane hatte allerdings mit ihrer Vermutung recht: wir sind ohne anzuhalten direkt auf die Fähre gefahren und dort auch zügig auf unseren Parkplatz eingewiesen worden. Denn wir kamen just in dem Moment an, als das Boarden begonnen hat - das ist uns sonst nur bei den kurzen Fährfahrten im Regelfährbetrieb in Norwegen passiert. Anziehen und Frühstück fand daher an Bord statt.
Bei der Buchung hatte ich es ja nicht geglaubt, aber die Nils Holgersson ist eine größere Fähre unter anderem mit Kino (das aus "technischen Gründen" heute nicht in Betrieb war), Fitnessraum, Sauna und Whirlpool. In Letzterem hat sich eine Familie mit zwei Kindern niedergelassen - die sind offensichtlich erfahrener als wir, denn das wäre auch für uns eine gute Idee gewesen! Leider kann man nach Ablegen vom Steg bis zur Ankunft nicht mehr zu den Fahrzeugen zurück, sonst hätte ich noch unsere Badesachen und Handtücher geholt. Aber den Whirlpool habe ich erst auf "hoher See" entdeckt. Wir werden es uns jedenfalls für die nächste Fahrt merken.
Sehr zu unserem Verdruss gibt es essensmäßig nur ein Frühstücks- (12€ / Erwachsener, Kinder bis 7 Jahre sind kostenlos) und ein Lunchbuffet (15€ / Erwachsener, Kinder bis 7 Jahre sind auch hier kostenlos) - wir hatten uns auch auf einen losen Verkauf eingestellt. In der Bordbar mit prächtigen Ausblick zum Bug sind dagegen lediglich Sandwiches, Pizza, Muffins, Kaffee und alle möglichen Getränke zu finden. Da wir uns bereits beim gläsernen Kinderparadies mit Rutsche, Bällebad und Spieltischen breit gemacht haben, war nicht daran zu denken Juliane und Samuel in das Frühstücksbuffet zu lotsen. Daher haben wir uns mit einem Kaffee-Frühstück begnügt.
Herrlich was man aus so einer exponierten Lage zwischen Rezeption (es gibt natürlich auch Tageskabinen hier zu mieten ab ca. 45€) und Bordbar alles zu sehen bekommt. Vor allem habe ich mich gefragt, woher die ganzen Rentner im Rentnerstandardoutfit bestehend aus beiger Zip-Safari-Wanderhose, beiger Weste mit vielen Brust und Seitentaschen und beigen Netzhalbschuhen beziehen? Gibt es an Bord noch einen unentdeckten Laden, der die an den Mann bringt? Einfach super!
Für die Kinder bieten zwei "Piraten" in Deutsch und Schwedisch eine Piratenausbildung als Animation an. Die ist sehr nett und sogar Juliane hat sich getraut mitzumachen, was ihr ein paar Schoko-Goldmünzen eingebracht hat - sehr zu ihrer strahlenden Freude. Währenddessen hat es sich Yvi auf dem Sonnendeck an der frischen Luft gemütlich gemacht, da Samuel im Buggy den Schlaf der Gerechten nachgeholt hat. Immerhin 2,5 Stunden lang.
Etwas Duty-Free-Shopping durfte natürlich nicht fehlen, sehr bombastisch war das Angebot nicht, da gab es auf meiner Hinfahrt von Rostock nach Gedser eine attraktivere Auswahl. Wir waren allerdings sehr froh, dass wir nicht diese Route zurück gewählt haben. In Vimmerby hatten wir uns noch mit einer Rostocker Familie (auch zwei Kinder jeweils ein Jahr älter als Juliane und Samuel) unterhalten, die die knapp zweistündige Fährfahrt von Gedser in Dänemark der Sechsstündigen von Trelleborg aus vorgezogen hat. Prinzipiell erstmal verständlich, nur braucht man auch nochmal 6 Stunden per Auto nach Gedser - das eigentliche ausschlaggebende Gegenargument für unsere Mitfahrer! Diese sind zwar sehr routinierte Passagiere und selbst Samuel lässt sich geduldig anschnallen, sobald der Motor läuft (um sofort protestierend wieder auf seinen roten Anschnallverschluss zu zeigen, wenn der Motor ausgeht, um vehement sein Abschnallen einzufordern). Aber länger als 2-3 Stunden inklusive der Mittagsschlafzeit geht meist nicht ohne viel Gequengel. Zu dem ganzen ersparten Stress beträgt der Mehrpreis zwischen den Fähren jetzt für uns gerade einmal 50€ mehr und wir sparen nicht nur den Sprit, sondern auch die ca. 100 € Brückengebühren für die Öresundbrücke von Malmö nach Kopenhagen.
So genießen wir also lieber entspannte 6 Stunden auf See als im Auto!
Zwischenzeitlich hat Juliane versucht bei den etwas älteren Kindern bei einem Kartenspiel mitzuspielen, bei dem es darum geht Fragen zum Alltag zu beantworten. Dazu muss man allerdings die Textkarte lesen können. Ein herzzerreißendes Bild, wie die Arme sehr frustriert dabeisaß und doch nicht mitspielen konnte, bis sie letztendlich aufgegeben hat und wieder ins Bällebad abgedüst ist - nicht ohne uns vorher zu erklären, dass sie es doof findet, nicht lesen zu können. Das wird wohl nicht bis zur Schule dauern, denn sie übt bereits fleißig die Buchstaben.
Mit der Einfahrt in den Hafen von Rostock kam langsam Unruhe in die Passagiergruppen. Auch wir wurden in den Strudel mit hineingezogen, denn nicht alle verlassen das Schiff, sondern ein Teil fährt weiter bis Travemünde, was nochmal 4 Stunden Schifffahrt bedeutet. Der "Pirat" hatte dazu bemerkt, dass es nichts unsinnigeres gäbe, als eine Schiffsfahrt von Rostock nach Travemünde, was man mit dem Auto in ca. 1,5 Stunden machen könnte :-D. Den wütenden Diskussionen an der Schiffsrezeption nach zu schließen, wussten offensichtlich nicht alle Passagiere, dass die Fähre in Rostock einen Zwischenstopp einlegen würde. ;-)
Nun, bis zur Durchsage man möge zum Fahrzeug gehen war allerdings noch ausreichend Zeit, denn das Schiff musste erst im Hafen wenden, da die Fahrzeuge in Richtung Heck geparkt standen - und wenden geht ja schwerlich an Bord. Und auch danach war keine hektische Eile angesagt, sondern man kann gemütlich zum Fahrzeug schlendern, bis das Anlegemanöver abgeschlossen und die schwere Rampe zum Anleger heruntergelassen ist.
Dass der Herdentrieb tückisch ist zeigte sich sofort in dem Moment, als der erste Fahrer verwirrt von den Schildern falsch abgebogen ist und alle Lemminge diesen Fehler in einer Schleife über das Gelände ebenfalls korrigierten. Die Verwirrung war für uns und der Spaß für die beobachtenden Zollbeamten groß.
Nach dem Entknoten haben wir uns in Rostock noch mit Oli auf einen Nachmittagsplausch im alten Fritz am Hafen getroffen, bevor wir in Richtung Halle zu Annelie weitergefahren sind.
Da wir leider erst gegen 0:30 Uhr bis 1:00 Uhr in Halle ankommen würden, war das Anfahren eines Campingplatzes natürlich nicht mehr möglich (die kontaktierte Besitzerin hat uns jedenfalls höflich vermittelt, dass sie um die Uhrzeit auf jeden Fall schon schlafen würde). Wir haben uns aus diesem Grund nach einer Stellmöglichkeit mit Stromanschluss erkundigt - ohne Erfolg. Erst später sollten wir herausfinden, dass es nicht nur in Foren Tipps dazu gibt, sondern Informationen zu Stellplätzen kostenlos im Internet zu finden sind. Damit hätten wir uns einige Sucharbeit gespart. Aber immerhin haben wir einen prima Stellplatz mitten in Halle (in der Nähe der Burg bzw. Gasthaus Mohren) gefunden, der mit 5€ für den ersten Tag sowie jeweils einen weiteren Euro für bis zu 5 weitere Tage ein absolutes Schnäppchen ist. Für 1€/8h bekommt man am Stromautomaten dazu auch noch Strom. Perfekt! Fanden auch 3 "Mobilisten", die hier bereits Quartier bezogen hatten. Das war uns um inzwischen 2:30 Uhr aber ziemlich wurscht und wir haben uns daher zur Nachtruhe einfach daneben gestellt. Hat prima geklappt!
Leider ist bei Samuel inzwischen der Rhythmus völlig im Eimer und so sang er uns unterwegs an einer Tankstelle um 1:38 Uhr in der Früh ein fröhliches Liedchen. Na das wird nächste Woche eine spannende Eingewöhnung in der Kita…
Juliane und Samir mit Annelie auf der Rutsche
Der Besuch bei Annelie war herzlich und die Verabschiedung tränenreich, bevor wir uns abends auf das letzte Stück Autobahn in Richtung nach Hause gemacht haben.
"Fancy" Cafe neben fast schon tristem Verfall in Halle
Julianes Weisheiten:
In Trelleborg beglückte uns Juliane mit folgender Weisheit:
Wenn ich groß bin, zieh ich mit Samuel aus, dann brauche ich ja keine Eltern mehr.
Ihr seid dann Oma und Opa. Und Ihr seid dann alt und sterbt.
Dann kann ich wieder in Euer Haus ziehen…
Aha - na danke! Schielt jetzt schon aufs Erbe ;-)
Später folgte noch die Gleichung: Männer sind gleich groß, nur Frauen nicht.
Ja, auch klar - ihr scheint der Schlaf auch zu fehlen ;-)